Donnerstag, 8. November 2012

Kollo: Moli, ein Dorf bekommt eine foodbank



Wache wieder um 7 Uhr auf. Ich möchte ja heute morgen noch Roggenbrötchen backen. Also mach ich mich schnell fertig und gehe in die Küche. Es duftet eigentlich schon die ganze Zeit bis in mein Zimmer. Renate wollte Muffins backen, sie scheint schon voll in Gange zu sein. Ja, hab mich nicht getäuscht. Und: Die Roggenbrötchen sind auch schon fertig! Renate hatte meine gestern Abend zurechtgestellte Schüssel entdeckt und das dazugestellte Mehl...
Tanja kommt: Ob wir jetzt los fahren könnten.

Wie, jetzt? Jonas, Sebastian und Daniel schlafen noch, gefrühstückt hat noch niemand. Sie meint, es müsste jetzt doch losgehen, die Tour, die zumindest Daniel heute noch vor hätte, wäre sonst nicht zu schaffen.
Im Gegensatz zu sonst bricht nun ein wenig Hektik aus: Renate und ich stellen schnell das Frühstück bereit, Reiner versucht, die anderen zu wecken. Daniel ist schnell fertig, Jonas und Sebastian müssen sich erst mal sortieren.

Ja, und irgendwie finden wir uns dann doch im eher im afrikanischen Tempo wieder, frühstücken noch ganz gemütlich, bis es dann mit zwei Autos los geht.

Auf nach Kollo! Zum Bürgermeister gehen diesmal nur Tanja und Daniel rein. Es geht darum, vielleicht eine Eskorte zur 2. Foodbank zu bekommen. Der Rest unserer kleinen Gruppe verlustriert sich  draußen, schäkert ein wenig mit einem verschlafenen Chamäleon und gönnt sich im Schatten eine kalte Cola.



Die Sache mit der Eskorte klappt, der Bürgermeister hat es geschafft. Und so steigen 2 Soldaten hinten auf unseren PickUp.

Auf geht´s nach Moli!
Interessant wird es, als die beiden PickUps plötzlich in ein Gelände ohne erkennbaren Weg hineinfahren; es geht über Baumwurzeln und Unebenheiten, plözlich steil bergab und rein in die Büsche. Wir landen vor einem breiten Fluss. Hier ist normalerweise kein Fluss. Was wir sehen, ist eine der Folge der Überschwemmung.

Zwei kleine Boote, gerade so breit, dass ein Mensch darin sitzen kann, aber mit mehreren „Bänken“ hintereinander, liegen am Ufer. Moment, sind das vielleicht unsere Fähren? Ja, Tanja bestätigt es. Na, nu wird’s aber richtig gut! Schnell taxieren wir, mit wem wir denn in ein Bott steigen würden und werden...die erste Mannschaft sitzt, Boot voll. Es wackelt, muss erst mal ausbalanciert werden. Bloß nicht bewegen!
Vor mir sitzt der Fährmann, dann ich, hinter mir auf der breitesten Bank Tanja neben Jonas, danach hat Daniel einen Platz gefunden, und ganz hinten sitzt der Ruderer, der mit nur einem Paddel das Boot vorwärts bewegt.
Hui, hat aber gut Tiefgang, unser Bötchen! Ich fasse mit meinen Händen an den Bootsrand – muss es mir zu denken geben, dass die Fingerspitzen sich im Wasser befinden? Daniel zumindest findet das extrem besorgniserregend.
Äh, haben wir heute schon um Bewahrung gebetet? Nicht wirklich, oder? Sicher ist sicher, und so betet Tanja gerade noch rechtzeitig für eine gute und bewahrte Überfahrt... Ich überlege inzwischen, was ich mit meinem kleinen Rucksack, genauer mit meinem Fotoapparat mache, wenn wir gleich im Wasser landen werden. Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, das Ganze afrikanisch auf dem Kopf zu drapieren?
Doch Tanjas Gebet wird erhört, wir kommen einigermaßen trocken am anderen Ufer an. Als wir uns umdrehen, hat unser zweites Boot noch gar nicht abgelegt. Nanu, sie steigen ja wieder aus! Was ist da los?

Wir erfahren erst später, dass das Boot leck war und erst ein anderes kommen musste, bevor die zweite Mannschaft zusammen mit Sebastian und Reiner übersetzen konnte.

Wir gehen inzwischen schon mal ins Dorf. Der Dorfälteste bzw. Häuptling begrüßt die Männer (Tanja und mich würdigt er keines Blickes) Tanja erklärt mir, dass man hier als Frau nie einem Mann die Hand entgegenstrecken dürfe, um ihn zu begrüßen, sondern dass man warten müsste, bis er der Frau die Hand entgegenstreckt. Nun gut, ich MUSS nicht zwangsläufig jedem die Hand geben, soll eh nicht besonders hygienisch sein J



Wir durchwandern das Dorf Moli ein Stückchen, bis wir zur foodbank kommen, einem Hirsespeicher, in den derzeit alle Hirse eingelagert wird, die aufgekauft werden kann. Der Hirsepreis ist im Moment höher als normal wegen der Flutkatastrophe und der dadurch bedingten schlechten Ernte. Dennoch sorgen die Dorfbewohner vor. Der Speicher ist über Alpensolar initiert. Die Dorfbewohner zeigen uns, wie sie die Säcke befüllen, um sie dann einzulagern.

Inzwischen haben sich immer mehr Menschen zusammen gefunden, um diesem Schauspiel beizuwohnen und sicher auch in erster Lienie die interessanten Weißen zu besichtigen.
Immer mit dabei unsere zwei uns eskortierenden Soldaten. Jonas versucht sich in die Büsche zu schlagen und das Dorf ein bisschen auf eigene Faust zu besichtigen. Sofort hat er einen soldier an seiner Seite, der für seine Sicherheit sorgt. Ich glaube, so was ist  ihm auch noch nicht passiert!

Da wir ja so gut wie alle kein ordentliches Französisch können, sind wir immer wieder auf Tanjas Übersetzungen angewiesen. Zwei nette Begegnungen gibt es dann aber doch, in denen wir eigeninitiativ werden können: Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Rücken, die Hirse stampft, kann englisch.
Sie erzählt uns, dass sie vier Kinder hat und ihr Mann zur Arbeit ist; kurz darauf taucht er allerdings auf, so dass sie ganz stolz verkünden kann: Das ist er!
Eine ebenfalls sehr nette Begegnung hat Jonas mit einem Mann, der englisch kann. Der zeigt ihm einfach auf eigene Faust ein paar Dinge im Dorf und erzählt. Und schließlich stellen sie einander noch ihre Mütter vor - der gute Kontakt ist perfekt!

Als Abschluss unseres Besuches in Moli gibt es eine Generalkonferenz mitten auf einem Platz, glücklicherweise im Schatten. Jetzt geht’s hier dreisprachig ab: Daniel fragt in deutsch, Tanja übersetzt  französisch, ein weiterer Mann in die Stammessprache vor Ort. Möchte nicht wissen, welche Inhalte da überhaupt noch ankommen!

Rundherum steht eine Menge von Kindern. Eine größere Gruppe von Frauen hat sich ebenfalls dazu gesellt, sie sitzen auf der Erde etwas abseits, schräg hinter den Männern. Wir dürfen auf Stühlen sitzen.

Fragen nach dem Hirsepreis u.ä. werden durchgeredet, und zum Schluss geht man auseinander mit dem guten Gefühl,  einander Nettes gesagt zu haben und sich gut zu verstehen. Das halbe Dorf begleitet uns dann noch zu den Kanus, denn nun geht es auf dem gleichen Weg über den Fluss wieder zurück.
Da es schon einmal geklappt hat, haben wir jetzt keine Sorge, dass es auch diesmal wieder klappen wird.

Daniel und Tanja fahren mit ihrer Leibwache weiter, für uns beginnt die Rückfahrt.

Im guesthouse kleiner Snack, kurzer Relax – und dann brechen Sebastian, Jonas, Renate und ich Richtung Markt auf. Renate führt uns zuerst zu einem craftsmarket, wo man neben den Waren auch ihre Herstellung sehen kann – ein interessantes Konzept.

Doch weil wir noch nicht alles gefunden haben, was wir suchen, fahren wir weiter. Das Stadion von Niamey wird sichtbar! "Angucken, angucken!" Renate sieht darin kein Problem, und so landen wir dann im Stadion. Dort trainieren zwei Mannschaften. Ein dummer Satz von Jonas oder Sebastian bringen Renate dazu, mal nachzufragen, ob es möglich wäre, mit den Fußballspielern zusammen ein Foto zu machen. Ja, klar, geht! Alle haben Spaß, als sie sich Foto-bereit aufstellen und inklusive Jonas und Sebastian ein Foto geschossen wird. Später versuchen Jonas und Sebastian, Reiner weiszumachen, dass wir im Stadtion von Niamey die Nationalmannschaft beim Training angetroffen haben und dass diese bereit war, sich für ein Foto mit ihnen zu präsentieren... Und das Beweisfoto hätten wir gleich mit dabei!

Renate fährt uns noch zu einem zweiten Markt, der mehr das Allgemeinkaufgefühl bedient. Dort wird Jonas fündig und handelseinig, denn Handeln gehört zum Geschäft.

Der Abend mit dem gemeinsamen Essen und anschließenden Abhängen mit den mitgebrachten Unterhaltungsmedien (es applet  doch sehr im Raum!) ist relaxt und ruhig und verbindet alle mit dem guten Gefühl, hier im guesthouse von HIS in bisschen zu Hause zu sein.

Danke, Renate und Yakouba!

Kollo: Farm, Argrarfachhochschule




Mittwoch - schon? Andererseits ist es erst der dritte Tag, den wir hier sind. Doch wir haben schon so viele Eindrücke gesammelt, dass es mir viel länger vor kommt.
Bis zum Frühstück ist noch etwas Zeit, ich bin wie gestern auch schon um 7 Uhr wach, wieder gut geschlafen, noch besser sogar J
Gegen halb neun sitzen wir wieder alle am Frühstückstisch.
Heute geht die Gruppe gemeinsam nach Kollo. Mit von der Partie ist Tanja und „Rabe“, einer der Mitarbeiter im HIS-Projekt. Das bedeutet, dass wir mit zwei Autos fahren.

Nach Kollo sind es ca. 30 km über meistens Sandstraßen mit Löchern und Schnellfahrbremsen. Auf der Hinfahrt müssen wir gleich nach Niameys Stadtgrenze Maut bezahlen. Da die Straßen nicht so wirklich zum Schnellfahren einladen, brauchen wir dann auch ne Zeit, um dort hinzukommen.
Unterwegs sichten wir rechts und links an der Straße größere Ansammlungen von kleinen weißen Zelten. "Rotes Kreuz", sagt Yakuoba. Sie wurden hierher geschafft, um den Opfern der Flutkatastrophe vom August vorübergehende Unterkunft zu geben. Immer noch sind eine Reihe Zelte bewohnt, da viele Familien es noch nicht geschafft, haben, ihr zerstörtes Eigentum wieder aufzubauen oder sich neues zu schaffen...

In Kollo besuchen wir als erstes den Bürgermeister. Diesen Besuch hat Daniel initiiert. Ein kurzes understanding – dann fahren wir weiter. 

Auf dem Weg liegt ein kleines Farmprojekt, dass Yakouba uns zeigen möchte. Hier züchtet ein  Farmer Ziegen auf einem Stück Land, dass nun seit einiger Zeit auch eine eigene Pumpe hat, damit also eine eigene Wasserversorgung. Das bedeutet für die Zukunft die Möglichkeit, das Stück Land zu bewässern, erfolgreiche Ernte einzubringen. Das Krankenhaus von Humedica liegt in Sichtweite, könnte also von diesem Land und seinen Erträgen profitieren.

Von hier aus sehen wir auf die über die Ufer getretenen Wasser des Nigers, die Überflutungen, welche die Reisfelder zerstört haben. So laufen wir ein wenig ins Land hinein auf die Wasserflächen zu, immer mehr beobachtet und begleitet von Kindern, die teilweise ganz nackt oder sehr spärlich bekleidet herumlaufen.  Schließlich landen wir am Wasser, wo einige Frauen Wäsche waschen, einige Kinder im Wasser baden – eine fröhliche Runde. Tanja sagt, dass die Kinder deshalb nackt sind, weil gerade ihre Kleidung gewaschen wird und sie eben nichts anderes haben als das, was gerade in der Wäsche ist. Die muss erst trocknen, dann können sie sie wieder tragen. Das Trocknen geht allerdings in der heißen Sonne bei 40 Grad Celsius sehr schnell.

An dieser Stelle habe ich die Idee, die Tüte mit Luftballons, die ich mit mir herumtrage, zu öffnen. Tanja hatte mir den Tipp gegeben, so vier bis fünf rauszurücken und sie den Kindern zum Spielen zu überlassen. Doch was dann  folgt, hätte ich mir vielleicht selber ausrechnen können: Die Kinder strömen in Scharen herbei – aus welchen Löchern kommen die denn alle? Sie umlagern mich, rufen irgendwas (wahrscheinlich ICH AUCH! ICH AUCH!) Und dann sind die ersten kleinen Hände in meiner Tasche, denn natürlich ist ihnen klar, dass da noch mehr drin sein muss. Schließlich rücke ich den gesamten Bestand von 30 Luftballons heraus, drücke sie einem „Großen“ in die Hand und bin die kleinen Schmeißfliegen erst mal los. Denn jetzt stürzen sie sich auf den Kumpel mit der Tüte... J  Sie verfolgen uns noch bis zum Auto, zeigen mir immer wieder begeistert ihren Luftballon und winken uns nach.

Unsere nächste Station ist eine Fachhochschule für Argrarwesen. Studenten, die hier lernen, können einen zweijährigen oder vierjährigen Abschluss machen, wobei letzterer  wohl mit unserem Bachelor vergleichbar ist. Das Studium hier ist sehr praxisorientiert und weniger wissenschaftlich.
Geplant ist hier ein Gespräch mit dem Direktor. Wir warten eine Dreiviertelstunde auf ihn. Da Alpensolar nach förderungswürdigen Projekten Ausschau hält, läuft das Gespräch mit ihm hauptsächlich über Daniel.
Um gleich noch zu zeigen, worum es in der Praxis gehen könnte, ziehen wir dann noch mal los, um uns eine stillgelegte Tierklinik anzuschauen.
Es ist immer wieder interessant, welche Art von Gebäude solche Namen wie „Tierklink“ tragen. Es handelte sich um eine Art offenen Stall, dem man ansah, dass er lange keine Tiere mehr gesehen hat.

Zurück zu den Autos, es geht heimwärts. Kurz nach 16 Uhr sind wir wieder im guesthouse.
Wir haben nun noch ein bisschen Zeit bis zur Gebetsstunde. Genau gesagt fast 2 Stunden. In der Zeit können wir bereits gut das Abendessen vorbereiten.

Also wir hatten es eigentlich so verstanden, dass die Gebetsstunde um 18 Uhr beginnt. Als gute pünktliche Deutsche war ich darauf eingestellt, um 17.45 h in den Startlöchern zu stehen, um abzufahren. Das war dann aber ungefähr die Zeit, in der ein Händler in Sachen Holzschnitzereien und Batiktüchern auftauchte. Er baute seinen Laden im Vorgarten der Seydous vor uns auf und pries seine Waren an. Mit Reiner wurde er dann auch ziemlich schnell handelseinig, mit dem Rest von uns hatte er eher Mühe. Was sollte ich auch mit einem weiteren Stapel von Tüchern oder dem 10. Elefanten? Stellsachen nennt man das bei uns. Wenn aber bereits alles vollgestellt ist? Und verschenken? Hab ich versucht. Doch Wert haben diese Besonderheiten nur für den, der „da“ gewesen ist und einen Bezug zu dieser Art von Kunst hat...

18.05 h: Die Gebetsstunde fällt anscheinend aus. :-) 
18.07 h: Renate ruft Yakouba an und fragt, wo er bleibt. Er sei auf dem Weg, gleich da.
18.08h: Es geht los, Yakouba ist da.
18.10 h: Wir sind „da“: Das „Gemeindehaus“  hat ein Strohdach, unter dem eifrig drei Ventilatoren drehen; aber mehr als ein Dach gibt es nicht. Es ist zu allen Seiten offen. In einem Kreis sind Stühle und Bänke aufgestellt, der erste Eindruck vermittelt, dass es eine Frauen- und eine Männerseite gibt. Also irgendwie hat sich das wohl so ergeben. Sicherheitshalber setze ich mich zu den Frauen – man kann ja nie wissen. Die Frauen sind alle wunderschön bunt gekleidet, mit hübschen Tüchern um den Kopf, fast alle haben ein bis zwei kleine Kinder dabei, die im Laufe der Zeit immer mehr in der Mitte zwischen den Erwachsenen spielen, sich in den Haaren ziehen, ein bisschen tanzen, sich schupsen, – alles was kleine Kinder eben machen. Die Erwachsenen  scheint das nicht sonderlich zu stören.
Der andere Halbkreis wird von Männern bevölkert, die meisten haben einen Turban auf dem Kopf. Es sind die Wodaabe.
Als wir ankommen, singen die Frauen. Später merken wir, dass eigentlich jedes mal, wenn gesungen wird, eher die Frauen singen. Die Männer sind sehr zurückhaltend.
Der Gebetsabend verläuft in etwa so: Gesang, Begrüßung, Gebetsanliegen sammeln (auch für Kranke u.ä.), dann für die genannten Dinge beten – und zwar alle auf einmal und jeder in seiner eigenen Sprache.
Das kenne ich auch schon aus anderen afrikanischen Ländern, habe es allerdings noch nie so unaufgeregt und still erlebt. Die Leute murmeln eher, so dass sie möglichst nicht ihren Nachbarn stören. Es gibt mehrere Gebetsrunden, jeweils mit anderen Anliegen. Dazwischen liest Yakouba ein Wort aus Rö 5,3.
Aufgrund von "Gruppendruck" haben auch wir Deutschen alle eine Bibel dabei, damit wir nach guter afrikanischer Sitte mitlesen können und nicht dumm auffallen.
Beim Lesen stelle ich dann aber fest, dass die anwesenden Wodaabe anscheinend gar nicht alle lesen können und deshalb dann auch keine Bibel dabei haben.

Das sind schon ein paar echt andere Eindrücke als das, was wir aus Sambia kennen!

Wieder „zu Hause“: Abendessen. „Sebastian und Jonas, esst noch was!“
Dann geht es irgendwann in ein Abendgespräch mit Yakouba über, in dem er auch nochmal wieder eine Römerstelle liest: Römer 12, ab Vers 3.
Zum Thema macht er das Gleichsein vor Gott und erzählt dabei einige seiner Erfahrungen mit der Veränderung, die Menschen erleben, wenn sie sich zu Jesus bekehren.

Ja, und dann muss natürlich auch mal Schluss sein. Ein fröhlicher Ausklang mit den üblichen Frotzleien in der Gruppe (Achtung, Reiner, wenn du in deine Unterkunft gehst, dass nicht aus Versehen Max...-das ist der Wachhund – oder nicht, dass es nachher heißt: Reiner hat den Wettlauf gegen die Schildkröte verloren!)

Morgen ist ein neuer Tag!

Orphans, Wodaabe und Hausprojekt




Habe eine wunderbare Nacht hinter mir, bin ausgeruht, und nun seit etwa einer Viertelstunde wach. Es ist kurz nach 7 Uhr. Daniel ist schon weg, geht heute mit Tanja und einer Militäreskorte in die „No – Go - Area“, um eine foodbank anzusehen.
Yakouba hat für uns ein eigenes Programm. Er möchte uns heute zu einer „Gebetsgruppe“ machen. Deshalb ist vorgesehen, dass wir heute an verschiedenen Orten, die er uns zeigen möchte, beten.

Es läuft ruhig an: Frühstück um 8.30 h. Danach wird auch nichts überhastet. Zunächst geht es zu einem Waisenhaus. Reiner hat für dieses Haus sowohl Geld (Schecks) wie auch einige Kindersachen zum Anziehen von einem Freund mitgebracht. Was wir vorfinden, ist dann im ersten Moment etwas enttäuschend. Die Kinder sind nicht mehr in diesem Haus. Wir können sie heute nicht mehr zu Gesicht bekommen. Die Ansprechpartnerin arbeitet hier nun für eine Firma, die Waisenkindersache macht sie „nebenbei“. Die Kinder seien nun in ihre Ursprungsfamilien gegeben worden und würden mit den Mitteln, die dem Waisenhaus zur Verfügung gestellt werden, weiterhin dort versorgt, z.B. medizinisch oder auch durch Geld für den Schulbesuch.  Vielleicht ist das sogar eine eher gute Nachricht. Aber es zeigt auch wieder, dass es immer gut ist, Institutionen, die man unterstützt, immer wieder auch zu besuchen und gegebenenfalls Geld auch persönlich zu überbringen...

Wieder besteigen wir den Pickup von Yakuoba, Jonas und Sebastian immer „hinten drauf“ mit fresh air... Yakouba zeigt uns nun ein Gelände, das er in einem Neubaugebiet für die Wodaabe gekauft hat, um sie dort etwas sesshaft zu machen. Sie würden dort ein von Mauern umgebenes Grundstück bekommen, vor dem Tor gibt es eine Pumpe und den dazugehörigen Brunnen; im Hof selber fehlt noch eine Latrine; ansonsten könnten sie sich dort so einrichten, wie sie möchten und gewohnt sind: unter freiem Himmel, mit einigen Zelt- oder Grasdächern gegen die Sonne. Zur Zeit wohnen hier nur der Wächter und seine kleine Familie. Er ist sehr freundlich und lädt uns ein, seine bescheidene Hütte  anzusehen. Denn das ist sie wirklich. Beschreiben lässt sich das nicht. Es sieht aus wie eine Anhäufung von Stroh, mit Tüchern und allem möglichen Material abgedichtet, innen stehen zwei Lager zum Schlafen, alles ist vollgehängt mit (schmutzigen?) Klamotten und vielen undefinierbaren Dingen, denn es ist dunkel in dem Kabuff – das ist alles. Gelebt wird draußen. Der Wachtmann selber ist 60 Jahre alt, seine Frau dreißig, wie er stolz sagt. Sie haben ein kleines Kind, das ich zunächst auf 9 Monate schätze, dann ihm höchstens 1 Jahr gebe und erfahren muss, dass das kleine Mädchen schon 2 Jahre alt ist. Es ist völlig unterentwickelt, sieht zurückgeblieben aus und kann noch nicht mal laufen bzw. sich eigenständig auf den Beinen halten. An seinen Mundwinkeln knabbern die Fliegen. Die junge Frau ist schon wieder schwanger, es kann nicht mehr lange dauern. Renate erzählt mir später, dass sie mental eingeschränkt ist...

Jetzt geht es zurück ins HIS - guesthouse. Renates Küche steht bereits unter Dampf – sie brät das Hackfleisch, das wir gleich zu Pitabrot und Salat essen wollen  - Mittagssnack.(„Iss noch was, Sebastian!“)
Wir genießen entspannt das Zusammen essen, den Smalltalk – und beschließen irgendwann, dass unser Programm um 15 Uhr weiter geht.

Yakouba fährt mit uns zum Niger bzw. zu einer Brücke, die er uns gern zeigen möchte. Diese Brücke haben die Chinesen relativ neu gebaut. Der Trip am Fluss entlang ist interessant und wunderbar geeignet für ein Fotoshooting. Kleingärtner haben hier ihren afrikanischen Schrebergarten angelegt. Die Flussnähe ermöglicht ein unkompliziertes Bewässern von empfindlichen Salatpflanzen, Kräutern, aber auch wunderschönen Blumen und Kakteen, die zum Verkauf angeboten werden. Alles wird akkurat in kleinen oder größeren Behältern präsentiert.

Immer wieder halten wir für ein paar hübsche Fotomotive.  Aber wir kommen auch an slumartigen Häusern und Siedlungen vorbei. Mittendrin die Müllberge, spielende Kinder, die nichts an haben, Frauen mit Babys auf dem Rücken, auf dem Kopf irgendwelche Lasten balancierend, überladene Fahrräder, Karren oder Lasttiere – das übliche Bild afrikanischer Länder und immer wieder Gegensatz zum deutschen Ordnungssinn und dem deutschen Schönheitsempfinden...

Nach einem Kurzstop am HIS-guesthouse geht es nun weiter zum Hausprojekt von Hosanna. Sie könnten hier ein eigenes Gebäude für die Büros, den Fuhrpark und die Radio-Television-Station kaufen statt wie bisher Miete für die einzelnen benötigten Gebäude zu bezahlen.
Wir besichtigen das Haus. Es ist vier Jahre alt, sagt der Besitzer, ein Unternehmer, der dieses Haus nicht mehr halten kann, weil seine Geschäftspläne schief gegangen sind und er nun verkaufen muss. 300.000 € will er umgerechnet dafür haben.
Das Gebäude ist beeindruckend groß, etwas vernachlässigt und unsauber, aber es ließe sich etwas daraus machen. Besonders ins Auge stechen die vielen großen Massivschreibtische mit den Chefsesseln dahinter, was einen exklusiven Eindruck macht. Auch andere Sitzmöbel und Tische sind vorhanden, alles kein Schund. Der Eigentümer würde alles mit dem Haus übergeben wollen...

Als Deutscher fragt man sich an dieser Stelle schnell, wo denn der Haken an diesem Projekt ist. Der Mann könnte weitaus mehr Geld dafür bekommen. Warum versucht er es nicht? Warum wartet er wochenlang auf die Entscheidung durch einen Pastor, der noch nicht weiß, woher er das Geld für so ein Projekt bekommen kann? Die Kredite in Niger sind durch extrem hohe Zinsen belastet. Yakouba hatte beim Mittagessen extra nochmal bei der Bank angerufen, wie hoch der derzeitige Zins für Hauskäufe seien. Das seien 14 %, wurde ihm gesagt!

Also indiskutabel?
Nachdenklich fahren wir zum guesthouse zurück. Die Männer wollen sich noch ein wenig die Beine vertreten und steuern zu diesem Zweck die amerikanische Botschaft als Fußmarsch an. Ich bleibe im Haus bei Renate und frage sie, wieso der Mann dieses Haus unbedingt an einen doch wahrscheinlich eher mittellosen Pastor verkaufen will. Ihre Antwort ist simpel: Wie fast alle Menschen hier ist der Verkäufer Moslems. Doch diese wissen untereinander, dass es mit ihresgleichen immer wieder Probleme gibt bei solchen Geschäften. Sie vertrauen lieber den Christen, die haben hier einen besseren Ruf und sind zuverlässiger in ihren Zusagen und Aussagen. Ein Pastor ist deshalb hier „die bessere Investition“... Aha?

Abendessen vorbereiten. Inzwischen wird per Telefon geklärt, warum Daniel und Tanja immer noch nicht von ihrem besonderen Trip zurück sind. Sie hatten drei Reifenpannen!  Von jetzt an werden sie noch 2 Stunden unterwegs sein, bevor sie zurück sind...

Und so ist es dann auch. Unser Abend klingt eher locker und ohne noch auf ein Ziel zuzusteuern(z.B. Feedback) aus. Kurz nach 22 Uhr verflüchtigt sich einer nach dem anderen in sein Zimmer.